Digitale FeaturesThe 4th WardNeil Francis Dawson
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The 4th Ward · Neil Francis Dawson 1 / 1
Interview

INTERVIEW

Neil Francis Dawson

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FOTOGRAFIE Neil Francis Dawson STYLING Lisa Nguyen HAAR & MAKE-UP Nicole Blais MODEL Alexandra Hochguertel @ The Society Management FOTOASSISTENZ Richard Luong KAMERA Leica S mit Summarit-S 1:2,5/70mm Asph., Apo-Macro-Summarit-S 1:2,5/120mm Asph.

„Fourth Ward“ ist der ursprüngliche Name des New Yorker Viertels „Two Bridges“, das, bisher von keiner Hipsterwelle überrollt, mit seinen heruntergekommenen Prachtbauten aus dem 19. Jahrhundert genau das morbide Flair verströmt, das Neil Francis Dawson für seine Story suchte. Hier setzte er das Model Alexandra Hochguertel in einer reportagehaften Modegeschichte ins rechte Licht.

S Magazin: Du hast den Fourth Ward in New York als Thema für dein Shooting gewählt? Warum dieses historische Setting für Modebilder?
Neil Francis Dawson: Nun, es ist nicht ganz das Thema, aber der Name der Story und der Location: das Setting ist Two Bridges, New York. Im 19. Jahrhundert waren die Wards ein Einteilungssystem, um die unterschiedlichen Einwanderergruppen zu trennen. Ich bin kein Geschichts-Nerd aber ich mag es, dort spazieren zu gehen und mir vorzustellen, wie verrückt das damals alles war. Die Gegend, in der ich fotografiert habe, grenzt genau an den Fourth und den Seventh Ward; vielleicht ist das jetzt eine sinnlose Geschichtsstunde, aber ich mochte den leisen Charme des Verfalls als Location.

Es ist die einzige Gegend von Manhattan, in der keine Hipster herrschen und ihre Lofts bauen und Cocktails schlürfen. Und die schmalen Straßen und die alten, niedrigen Häuser schaffen ein schönes Umgebungslicht. Die Gegend war die letzten Jahrzehnte ein Zentrum der chinesischen Gemeinde, und die einzigen kosmetischen Eingriffe seit 1800 waren einige Farbschichten auf den Fassaden. Wenn man an den Restaurants, den 99-Cent-Geschäften und den chinesischen Schildern vorbeisieht, bemerkt man die alten Bauten, die einst von wohlhabenden Händlern bewohnt wurden, bis die riesige europäische Einwanderungswelle sie weiter nördlich drängte und das Viertel in eines der schmutzigsten und blutigsten ganz Nordamerikas verwandelte.

Diese Geschichte verführte mich. Ich lebe dort, und es ist fast unmöglich, nicht jeden Tag von ihr inspiriert zu werden. Egal ob ich mit dem Hund Gassi gehe oder ein Bier bei der nächsten Bodega hole, ich sehe mich immer um und sehe neue Dinge. Die Menschen, die hier leben, sind einfach unglaublich: ohnmächtige Junkies, lustige alte Farbige, die immer was zu sagen haben – „Der Hund sieht aus wie ein verdammter Killer, mein Junge“ – zu meinem kleinen Hündchen! Vielleicht ist die Umgebung etwas seltsam, aber immer superinteressant, von Eimern voller Frösche und Schildkröten, die als Nahrungsmittel angeboten werden, bis zu Menschen, die Blattgold und Weihrauch Buddha opfern. Ich nahm die Gelegenheit wahr, die das S Magazin mir bot: einen Auftrag ohne Briefing, um eine kleine visuelle Geschichte dieser faszinierenden Umgebung in meinem Medium zu verwirklichen: der Modefotografie.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben? Wird ein Konzept umgesetzt, oder verlässt du dich auf Spontaneität?
Alles ist geplant, ich gehe nie einfach so los, ich bin mit Sicherheit ein Controlfreak! Am Anfang muss man eine gute Idee haben, eine Vorstellung: Es ist schwierig, ein Scheiß-Sandwich zu verkaufen oder eine Seidenhandtasche aus einem Schweinsohr zu nähen – also ist es wichtig, eine gute Idee zu haben und ein feststehendes Konzept. Jedes Element ist wichtig; vom Casting, Styling, Hair, Make-up bis zur Auswahl des Teams, der Location, des Lichts et cetera. Modeshootings gehen in die Hose, wenn sie nicht geplant sind, besonders, wenn sie konzeptionell sind, aber ich lasse mir immer ein Türchen offen für Inspiration, die ich einfließen lassen kann, damit die Story wächst – doch letztlich muss das gesetzte Thema meiner anfänglichen Vorstellung entsprechen. Ich habe großen Respekt vor dem ganzen Team und seinen Gedanken, aber letztlich liegt alles auf meinen Schultern.

Man muss die Eier und das Wissen haben, das Team zu führen, die vorgesehene Story zu kreieren, besonders, wenn man kein Budget hat, und man all diesen unglaublich talentierten Leuten nur eine Handvoll Fotos anbieten kann – dann sollten es schon verdammt gute Bilder sein. Ich gebe immer die Richtung vor, und am Tag vor dem Shooting gehe ich noch mal das Styling durch mit den Stylisten und meiner Kreativ-Partnerin Lisa Nguyen – wir planen durch, was wir fotografieren wollen, wo und zu welcher Tageszeit, je nachdem, wie das Licht und wie die Haare und das Make-up sich während des Shootings verändern werden. So gibt es weniger Stress und mehr Harmonie und mehr Flow an Kreativität. Vor allem, wenn man mehr als 14 Looks hat für 28 Seiten, an einem einzigen Dezembertag, an dem es schon um halb fünf dunkel wird. Ich glaube, dass Modefotografie über die Verkäufe von Kleidern und Anzügen hinausgeht, ich will den Bildern Leben schenken. Sinnloses Starren an der Kamera vorbei und tote Augen sind für mich ein Scheitern: Wenn das Model nicht echt sein kann, ist es mein Job, etwas aus ihr oder ihm herauszukitzeln.

Welcher Fotograf hatte den größten Einfluss auf dich, und welches ist dein Lieblingsgenre?
Man Ray war sicherlich der erste, dem ich verfiel, als ich begann, mich wirklich auf Fotografie einzulassen. Das war definitiv vor dem digitalen Zeitalter, und ich liebte die Art, wie er die Standardfotografie aufmischte mit unterschiedlichen Dunkelkammertechniken. Er brachte mich zur Einsicht, dass Fotografie mehr ist als nur das Einfangen einer Erinnerung. Dann kam das digitale Zeitalter mit Nick Knight, der von Sølve Sundsbø noch überholt wurde, der einen ähnlichen Ansatz, aber nun grenzenlose digitale Möglichkeiten hat. Helmut Newton war immer ein Einfluss, mit seiner Sichtweise, dass das Model wie eine Leinwand ist, die es zu verändern gilt, um seine Vorstellung zu verwirklichen und zu erfüllen: und wir wollen Guy Bourdin nicht vergessen, seine wunderschöne Art, ein Modefoto in eine Fantasie und ein Kunstwerk zu wandeln.

Ich glaube sehr daran, dass Modefotografie eine Art Eskapismus ist, man kann auf zehn bis 20 Seiten eine Geschichte erzählen, die keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende braucht. Ich mag es, mit der Balance konzeptueller Verrücktheit zu spielen, die in einer normalen Realität verwurzelt ist. Es ist sehr schwer für mich, auf dieser Linie zu balancieren, und oft halte ich inne und denke: Wird mir das mehr Aufträge bringen? Mit nichts im Hintergrund muss ich mich, ob ich will, oder nicht, an gewisse Formalitäten halten, aber meine Motivation und mein Drive ist das Ziel, den finanziellen Hintergrund zu haben, die kreative Kontrolle über meine Vorstellungen zu haben. Ich kann nicht zu sehr abdriften, wenn ich als Modefotograf Geld machen will. Aber: „Wenn man lange genug mitten auf der Straße steht, wird man irgendwann von einem verdammten Bus erwischt!“ Ich hasse es zwar, mitten auf der Straße zu stehen, um einen visuellen Hit zu landen oder, heutzutage, einen Daumen-Scroll ohne Doppelklick auf ein „Like“ – Schwachsinn!

In jedes Foto fließt eine Menge Arbeit hinein, und als Fotograf kann man nur hoffen, dass sich jemand eine Sekunde Zeit nimmt, um sich daran zu erfreuen; aber in diesem digitalen Zeitalter der Ungeduld und Prominentensucht, der „Like“-hungrigen Huren, wird es immer schwieriger, die Aufmerksamkeit eines Betrachters für mehr als ein paar Sekunden zu halten, bevor er zum nächsten Kanye/Kardashian-Schrott weiterzappt.

Aber der Fotograf, der mich wirklich am meisten beeinflusst hat war Hedi Slimane! Seine wunderschöne Simplizität ist immer chic und modisch mit der Vision eines Kreativen, der sich nicht um das Bild kümmert oder jedes Element darin. Ich hatte das Glück, mit ihm bei einigen Yves-Saint-Laurent-Kampagnen zu arbeiten, und es war wirklich inspirierend zu sehen, wie jemand eine solche kreative Kraft hat, dabei aber bescheiden und nett bleibt. Er designt und fotografiert alles selbst, und ich habe ihn kein einziges Mal sagen hören, „hmm … probieren wir doch mal dies oder das …“ Nein, er weiß immer genau, was er will, er schießt nie ins Blaue, seine Vorstellung ist absolut klar – und ich wollte davon lernen und mich verbessern und nie mehr meine Vision anzweifeln. Ich hatte die Gelegenheit, einige der besten Fotografen der Welt kennenzulernen, und alle haben mir etwas gegeben, mich geformt, ob bewusst oder unbewusst. Von Baileys Geist und Charme über Horst Diekgerdes’ ruhige und stete Bescheidenheit bis zu Rankins Fähigkeit, so lange Faxen zu machen, bis seine Modelle sich öffnen und er sie einfängt, wie sie sich selbst noch nie gesehen haben – er ist ein unglaublicher Porträtfotograf.

Du hast für das Rankin-Studio gearbeitet? Wie hat dich das beeinflusst?
Wie ich schon sagte, die Jahre mit ihm gaben mir Durchsetzungskraft und eine starke Arbeitsethik und die Fähigkeit, sieben Tage die Woche, 14 Stunden am Tag zu arbeiten. Der Mann ist kein Workaholic, er ist eine verdammte Maschine. Andererseits weiß ich jetzt auch, dass es mehr als Arbeit im Leben gibt, dass man sich ausbalancieren muss und auch entspannen können, Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Ich nehme mir auch Raum, um einen freien Kopf zu haben und zur Ruhe zu kommen, nur so findet man Inspiration.

Warum bist du von London nach New York gezogen? Welches ist das kreativere Umfeld, und wie unterscheiden sich die Städte in Bezug auf dein Berufsfeld?
Ich habe 16 Jahre in London gelebt, und irgendwann stagnierte es für mich, die Szene ist mir zu sehr von Cliquen bestimmt. Ich bin kein Szenekind, kein Party Kid und nicht wohlhabend genug, um mit der Etepetete-Upper-Class von Westlondon mitzuhalten. Südlondon hat noch Seele, aber ist ewig weit weg und voller aufstrebender Künstler, die immer pleite sind, Nordlondon geht, aber man kann ja nicht immer an Regentagen im Pub rumhängen, und ich bin für Ostlondon nicht durchgeknallt genug. Ich liebe London und habe dort tolle Freunde, aber dieses dauernde Scheißwetter in Kombination mit den teuren und überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln – ich war einfach zu weit weg von allem und hatte irgendwann keine Lust mehr, etwas zu unternehmen. Ich habe nur noch existiert und nicht mehr gelebt.

London ist voller Kreativer – das konstant schlechte Wetter bringt Leute dazu, etwas auf die Beine zu stellen, die Langeweile wird kompensiert, und deswegen kamen aus England schon immer die beste Musik und die beste Mode. NYC/Manhattan dagegen ist eine kleine Insel, wo unterhalb der 25. Straße alles stattfindet und du Brooklyn mit dem Fahrrad oder mit der Subway schnell erreichen kannst. Jeden Abend ist etwas los, und wenn das eine nichts ist, gehst du halt zum nächsten, und am Ende der Nacht läufst du nach Hause oder nimmst einen Fünf-Minuten-Uber. Die ganze Stadt sprüht vor Leben, und es gibt immer was zu sehen. Klar, die Winter sind härter als die in London, aber der Frühling ist ein echter, der Sommer ist richtig heiß und der Herbst wunderschön. London ist immer grau, man hat zehn Tage Sommer; nur die Musikfestivals sind dort bei weitem die besten! Die USA kriegen das nicht hin, die verzogenen Gören bei Coachella oder die falschen Hippies beim Burning Man – alles eine Show von Pfauen ohne wirklichen Respekt vor der Musik.

Wie würdest du die Art beschreiben, mit der du Farben einsetzt?
Farbkorrektur ist ein echt harter Job und treibt mich manchmal in den Wahnsinn: Es gibt eine feine Linie zwischen dummer Farbkorrektur und langweiliger Realität. Ich benutze keine Mickey-Mouse-Programme wie Alien Skin, ich nehme nur Photoshop und Gradationskurven, ganz schön kompliziert! Bestimmt gibt es Farb-Nerds die das jetzt lesen und sagen, so geht das aber nicht, das muss schon genau sein, aber ehrlich, zum Teufel mit ihnen, ich verlasse mich auf meine Augen. Ein 28-Seiten-Shooting auszugleichen ist schon eine Herausforderung ohne Proofer oder kalibrierten Monitor. Ich habe mir die Fotos selbst gemailt, um sie auf dem iPad und dem iPhone zu sehen, und dann versucht, meinen Monitor mit dem iPad abzugleichen – ein absoluter Alptraum! Ich arbeite immer noch daran und lerne nicht aus.

Die Fourth-Ward-Story hat Elemente aus der Straßenfotografie. Warum hast du diesen Ansatz gewählt?
Ich wollte, dass das Mädchen Teil der Szenerie ist, deswegen nahm ich einen „Reportage“-Stil, ja. Ich wollte keine dämliche Gegenüberstellung von „Glamazon-Babe in einem Downtown-Dreckloch“. Ich nehme auch nur kleine Crews, damit es nicht in eine Riesennummer ausartet. Je mehr Low Key, desto entspannter wird alles, und das Model fühlt sich wohler und passt eher in die Szene und wird ein Teil der Location, nicht einfach nur hineingeworfen – ich wollte einen fließenden Übergang. Sie musste glaubhaft rüberkommen, als würde sie dort leben – kein gekünstelter visueller Lärm.

Was erwartest du von einer Kamera?
Sie soll einfach und intuitiv zu bedienen sein, man muss als Fotograf ja ohnehin an alles denken: Licht, Modell, Blickwinkel, Pose und so weiter. Also kann man eine komplizierte Kamera nicht brauchen. Die S ist super simpel, fast schon zu einfach, nicht mal die Knöpfe sind beschriftet, daran muss man sich erst mal gewöhnen. Ich habe mir dann selbst Aufkleber gebastelt: Ich brauchte ja nur Vorschau, Zoom und Format.

Aber ganz im Sinne von Leicas unglaublicher Geschichte und Reputation als beste Kamera wird diese neue Generation der Großsensor-Spiegelreflexkameras die Dinge verändern: untadelige Optik in solidem Design, eine wirklich großartige Kamera. Ich hatte das Vergnügen, schon vor einigen Jahren mit einer S2 zu arbeiten, und es ist toll, die Entwicklung bis heute zu sehen: Der Sensor ist unglaublich, und ich kann es kaum erwarten, die neueste Version, die 007, in die Hände zu bekommen – ich denke das CMOS-Upgrade wird das Ganze noch mal auf einen ganz neuen Level heben.